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Literatur und Medien zur Leugnung

„Wenn so überwältigende Gefahren, wie etwa der drohende Klimawandel, seit vielen Jahren bekannt sind, aber letztendlich kaum zu Handlungskonsequenzen führen, dann liegt es nahe, dass socles Verhalten offenbar mit etwas Anderem als nur mit einem Mangel an Wissen oder Information zu tun haben dürfte – offenbar sind dabei eher massive unterdrückte Gefühle im Spiel“.
So sagt Josef Berghold und beschreibt dann die verschiedenen seelischen Mechanismen wie Spaltung, Verleugnung und eine massive Infantilisierung der Gesellschaft. Gefühle der Hilflosigkeit gegenüber den realistischen Bedrohungen, Gefühle einer massiven Gewissenangst aufgrund der eigenen Mitverantwortung und die Haltungen der Verweigerung gegen die radikalen psychologischen Konsequenzen, die sich aus den für die eine Erhaltung unserer natürlichen Existenzgrundlagen ergeben, verschwinden so hinter einer regelrechten Absperrung von Gefühlen.
Und: „Das Erwecken und Ermutigen bei unserer Vorstellungskraft über mögliche Alternativen sollte somit eine zentrale Rolle bei unseren Bemühungen spielen, den Verweigerungshaltungen gegen ein Ernstnehmen der ökologischen Krise mir überzeugenden Antworten zu begegnen“.

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„Ein wesentlicher, vielleicht sogar entscheidender Bestandteil unseres globalen Krisenszenarios ergibt sich aus unerhört hartnäckigen und sehr verbreiteten Widerständen dagegen, seine Existenz (ausreichen) bewusst zur Kenntnis und ernst zu nehmen – bzw. sich als Mitglied unserer Weltengemeinschaft auch (ausreichend) mitverantwortlich für praktische Konsequenzen und ein angemessenes Reagieren zu fühlen.“
Er beschreibt anschaulich das kapitalistische System mit seiner vor keinen Grenzen Halt machenden Profitvermehrung und dem sich verschärfenden Verdrängungswettbewerb , was mit den unvermeidlichen Grenzen kollidieren muss, die sich aus den Beschränkungen der kaufkräftigen Nachfrage, der menschlichen Belastbarkeit und besonders auch der Begrenztheit der Biosphäre der Erde ergeben.
Er plädiert dafür, die tiefe Lähmung der Vorstellungskraft über grundsätzlich neue Möglichkeiten zu überwinden und unserer gesellschaftliches Zusammenleben nach solidarischeren, freieren, verantwortungsvolleren und nachhaltigeren Grundsätzen umzugestalten.

Unsere ökologischen Lebensgrundlagen sind akut gefährdet, unserer Verletzbarkeit im gesellschaftlichen Zusammenleben vergrößere sich immer mehr, unsere wechselseitigen Abhängigkgeiten in einer zusammenwachsenden Welt werde immer dichter und weitreichender. Doch die Menschen scheinen die Kränkungen durch Kopernikus, Darwin und Freud nicht überwunden zu haben, wie Berghold in bitteren Worten beschreibt. Feindbilder nehmen eher zu, die UNO sei zum Spielball von Großmächten und Sonderinteressen geworden.
Erst die nüchterne Anerkennung unserer beschränkten Macht und Wichtigkeit als Menschen wäre Voraussetzung zu größerer Verantwortung und Sorge für die Grundlagen und Bedingungen unserer realen Existenz, die eben nicht auf der Überlegenheit Einzelner, sondern auf Solidarität miteinander und der Umwelt basiert.

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https://www.deutschlandfunkkultur.de/erderwaermung-das-hoffen-auf-das-unmoegliche-hilft-nicht.1005.de.html?dram:article_id=454598

Die Terror-Management-Theorie besagt, dass Menschen alles tun würden, um nicht nicht den Tod denken zu müssen. Sieglinde Geisel ist der Meinung, dass sich diese These auf den Umgang so vieler Menschen mit der Klimakatastrophe übertragen lässt. Ein weiterer Baustein zur Erklärung warum so viele Menschen die weitreichenden Folgen ihres Handelns ausblenden.

Fr. Habibi-Kohlen, Psychoanalytikerin der DPV, ist es in ihrer kleinen psychologischen Studie gelungen, gut nachvollziehbar und anschaulich die psychischen Abwehr-Typen der Menschen in Bezug auf Klimakrisenverleugnung darzustellen. Psychoanalytiker befassen sich mit dem Unbewussten und damit auch mit den Abwehrmechanismen, die ebenfalls unbewusst sind. Insbesondere die Macht der Verleugnung zeigt sich dort, wo der Mensch zutiefst bedroht wird.

Hogget arbeitet im britischen Team der ClimatePsychologyAlliance und untersucht die psychosozialen Phänomene, die für die anscheinend fehlende Reaktion der Gesellschaft auf die Klimakrise verantwortlich zu machen sind. Insbesondere weist er hin auf die nicht-rationalen, unbewussten Dimensionen unter Hinzuziehung eines tiefenhermeneutischen Forschungsansatzes, bei dem Ängste, Druck, Widersprüche, Frames und Narrative von Politikern, Wissenschaftlern, Aktivisten und generell den Menschen der Bevölkerung sichtbar werden.

Dieses grundlegende Buch der in den USA, doch auch im UK arbeitenden Psychoanalytikerin, überbrückt psychodynamsiches Arbeiten und Umweltforschung und damit die Wissens-Handlungslücke und die Kognitive Dissonanz bezüglich der Klimakatastrophe, indem sie Gefühle, innere Bilder und das Unbewusste hinzuzieht zum Verständnis der anscheinenden Apathie angesichts der Klimakatastrophe.

https://climateone.org/people/renee-lertzman
https://reneelertzman.com/

In 42 aufrüttelnden Kapiteln beschreibt George Marshall, der Greenpeace USA berät, wie Menschen das, was vor ihren Augen geschieht, verleugnen, ausblenden, ignorieren oder aus Gründen wie Verlustangst oder Selbstbereicherung aktiv und vorsätzlich verdrehen, wie Menschen lügen und betrügen. Er beschreibt, wie die Menschen aus verschiedensten Gründen sich nicht so verhalten, wie es die rasante Geschwindigkeit der Klimakrise erfordert, und wie wir uns da heraus arbeiten können in der kurzen uns verbleibenden Zeit.

http://climatedenial.org/

Seit die Demonstrationen der Schüler*innen „Fridays for Future“ uns die weitere Leugnung von Umweltzerstörung und Klimawandel verunmöglichen, stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass gerade in der „aufgeklärten“ westlichen Welt so anhaltend die Augen vor der menschenbedingten und katastrophalen Entwicklung verschlossen wurden? Welche inneren Abwehrmechanismen sind beteiligt? Mit welcher mehr oder weniger bewussten Konfliktdynamik oder anderen psychodynamischen Konzepten sind sie erklärbar? Und wo könnte psychodynamische Theorie auch individuelle und kollektive Bewältigungsprozesse unterstützen?

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Donna Orange, Professorin der Philosophie und Klinischen Psychologie, Psychoanalytikerin, beschreibt in kritischer Weise die Art und Weise der Psychotherapeuten, in einer Blase zu leben und zu behandeln und fordert klar auf, das Wissen der menschlichen seelischen Strukturen und Mechanismen dafür zu nutzen, die schreiende soziale Ungerechtigkeit auf der Welt und die Erderhitzung zu stoppen. Dazu nutzt sie einen intersubjektiven Ansatz und verbindet die Menschlichkeit des Behandlugszimmers mit dem humanitären Auftrag für die ganze Welt.

Randall ist im Team der ClimatePsychologyAlliance und hat mit anderen zusammen dieses leicht lesbare, praktische Handbuch herausgegeben mit zahlreichen Interviews mit verschiedensten Menschen und der Frage nach der Klimakrise: Fragen, wie jemand angefangen hat zu bemerken, dass es ernst ist und Fragen, was jeder einzelne tun kann und vor allem die Frage, wie man gemeinsam stark werden kann beim Veränderung dieser Welt.

David Wallace-Wells beschreibt in „Die unbewohnbare Erde: Leben nach der Erderwärmung“, wie es aussehen könnte, wenn die bereits begonnene Erwärmung fortschreitet und das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2 Grad Celsius anthropogener Erderwärmung überschritten wird in Szenarien mit 3, 4 oder 5 Grad Celsius Erderwärmung. Als ausgezeichneter Schreiber, Herausgeber des New York Magazin und Mitherausgeber von The Paris Review beginnt er sein Werk mit: „It is worse, much worse than you think“. Dass 50 % des anthropogen produzierten CO2 in den letzten 30 Jahren entstanden sei, habe ihn förmlich dazu gezwungen, dies Buch zu schreiben.

Sally Weintrobe, Fellow of the Institute of Psychoanalysis in London, ist Herausgeberin eines der ersten Bücher über die Tiefendimension der Klimakatastrophe und Mitbegründerin der ClimatePsychologyAlliance.
Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen diskutieren was hinter der weitverbreiteten Verleugnung der Klimakatastrophen steckt, wie wir mit unseren Gefühlen über die Klimaveränderung umgehen, unsere große Schwierigkeit, unsere echte Abhängigkeit von der Natur anzuerkennen, unsere inneren Konflikte diesbezüglich, die Auswirkungen auf unser Leben in einer pervertierten Gesellschaft, die Notwendigkeit zu trauern, bevor dann auf eine positive Weise mit den neuen Lebensbedingungen umgegangen werden kann.

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