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Ein Jahr Psychologists/Psychotherapists for Future: Ein Rück- und ein Ausblick

Mit einem Post in einer Facebook-Gruppe am 27.4.2019 fing es an – was vielleicht ein typisches Merkmal der aktuellen Klimabewegung ist. In einer durch Social Media verbundenen, schnelllebigen Gesellschaft wird viel diskutiert. Menschen mit ähnlichen Gedanken können sich vernetzen und diskutieren, auch wenn sie an ganz unterschiedlichen Orten sind. Das war die Grundidee des Web 2.0 – Menschen zu verbinden und einen Austausch zu ermöglichen. Das war der Traum von sozialen Medien, dass die Demokratie dadurch gestärkt wird. Im Lichte der wachsenden For-Future-Proteste und der Stellungnahme der Scientists for Future Anfang März 2019 durchtränkte der Geist des Aufbruchs die Klimadebatte. 

Mareike Schulzes Facebook-Post fand Widerhall – Lea Dohm und sie taten sich zusammen mit der Idee, die psychologische Perspektive des Klimawandels genauer zu beleuchten. Der psychologische Berufsstand ist häufig sehr zurückhaltend, sich politisch zu engagieren. Es liegt uns im Blut, Dinge zu analysieren und sie mit – wenn überhaupt – meist einem Gegenüber zu reflektieren. Veränderungen durch Erkenntnis und die Begleitung der Umsetzung in Handlung anzustoßen. Aber weniger: selbst die Veränderung umzusetzen, uns durchzusetzen, Forderungen zu stellen.

Wir brauchen einen anderen emotionalen Umgang mit der Klimakrise, wir brauchen konsequentes Handeln, um den Klimawandel zu bremsen, wir brauchen globale Gerechtigkeit.

Angesichts einer gesellschaftlichen Krise wie der Klimakrise muss man sich allerdings die Frage stellen: Soll es bei dieser Rolle bleiben? Oder müssen auch wir uns angesichts dieser Dringlichkeit verändern, das bisherige Denken und Handeln in Frage stellen. Für Mareike und Lea war die Antwort klar: Unser Wissen, unsere Perspektive fehlt in der Klimadebatte und wir müssen aktiv werden. Wir brauchen einen anderen emotionalen Umgang mit der Klimakrise, wir brauchen konsequentes Handeln, um den Klimawandel zu bremsen, wir brauchen globale Gerechtigkeit – eine Repolitisierung der Gesellschaft, ohne dass sie sich spaltet. Wir brauchen mehr Selbstwirksamkeitserleben, als Einzelne, aber auch als Gesellschaft, als globale Gemeinschaft.

Mit einer Mail an die Verbände ging es weiter – die Suche nach Gleichgesinnten war erstaunlich reibungslos. Manchmal ist die Zeit für eine Idee einfach gekommen. Schnell fanden sich weitere Kolleg*innen, die mitmachen wollten, wie ich, Katharina, die ich heute unsere Presse AG koordiniere.

Erstaunliche Dynamik

Mit den ersten 100 Erstunterzeichner*innen ging unsere Stellungnahme am 21.5.19 online und dann kam eine Dynamik in Gang, die das damalige Kern-Organisationsteam nicht selten in Erstaunen versetzt und etwas atemlos hinterlassen hat. 

Die ersten 1000, 2000, 3000 Unterschriften – bis heute über 4400 Kolleg*innen aus 28 Ländern. Der Aufbau der Strukturen und der Prozesse in einer so schnell wachsenden Gemeinschaft musste parallel mit heißer Nadel gestrickt werden. Erste Presseresonanz kam noch bevor das eigentliche Selbstverständnis der Psychologist/Psychotherapists for Future fertig diskutiert war.

Unsere besondere Stärke ist die Zusammenarbeit der Vielfalt psychologischer Fachrichtungen und Therapieschulen. Hier zeigt sich, dass Schwarmintelligenz existiert – und nicht immer viele Köche den Brei verderben.

Unsere besondere Stärke ist dabei die Zusammenarbeit der Vielfalt psychologischer Fachrichtungen und Therapeut*innen verschiedener Grundberufe und Therapieschulen. Hier zeigt sich, dass Schwarmintelligenz existiert – und nicht immer viele Köche den Brei verderben.

Die Psychologists und Psychotherapists for Future sind häufig, entsprechend der Rolle des Berufsstandes, im Hintergrund stützend tätig: Mit einem notfallpsychologischen Konzept für große Protestveranstaltungen, mit Selbstfürsorge-Workshops für Klima-Engagierte, Beratungsangeboten, Konfliktmoderationen und Gesprächskreisen zum emotionalen Umgang mit der Klimakrise für die Allgemeinbevölkerung.

Gleichzeitig sind wir aber auch eine zivilgesellschaftlich-aktivistische Gruppe – mit der Teilnahme an und Reden auf den Protesten der Klimabewegung, dem Sommerkongress der Fridays for Future, mit Mareikes Rede und der daraufhin verabschiedeten Resolution auf dem Deutschen Psychotherapeuten Tag, in Gesprächen mit den Kammern und Verbänden – und in der Pressearbeit, wird deutlich: Wir sind mit dem Anspruch angetreten, Veränderung anzustoßen und in die Umsetzung zu bringen. Mit der Organisation von Protestaktionen in unserer Aktions AG, öffentlichen Reden, Vorträgen und der Pressearbeit bieten die Psychologists/Psychotherapists for Future viel Potential für die engagierten Kolleg*innen, aus ihrer Komfortzone herauszukommen und über sich selbst hinaus zu wachsen. 

Das geht, wie in der gesamten Klimabewegung, nicht ohne die Auseinandersetzung mit Gegner*innen und Skeptiker*innen im Umgang mit dem Klimathema. Teils schockierend war für uns die Vehemenz mit der auch Kolleg*innen des Berufsstandes die Regeln des Anstands und auch die wissenschaftliche Grundlage in Diskussionen verlassen. Das – und auch ein erster Shitstorm in Reaktion auf den Verriss eines Fachartikels durch einen rechten Webblog – zeigt umso deutlicher, wie wichtig psychologisches Wissen in der Klimadebatte ist und in Zukunft sein wird.

Umso schöner empfinde ich die wertschätzende und gleichzeitig rege Diskussionskultur, das gegenseitige Interesse und die Leidenschaft innerhalb der Psychologists/Psychotherapists for Future.

Ausblick

Gerade der Aufbau von Strukturen und die Vernetzung mit der Bewegung können zeitaufwändig und anstrengend sein. In der aktuellen Corona-Pandemie muss die Bewegung sich neu aufstellen, reorientieren – bekommt aber auch mal eine wohlverdiente Verschnauf- und Reflektionspause. Unsere erste geplante Fachtagung und der Bundeskongress der Psy4F mussten abgesagt werden, dafür sind aber auch Ressourcen für die Hintergrundarbeit an kommunikatorischen Grundlagen, internen Schulungen und der Gründung eines Fördervereins frei geworden.

Die Psychologists/Psychotherapists for Future wollen das Jahr 2020 dazu nutzen, sich auf professionellere Beine zu stellen: Mit einer finanziellen Grundlage für unsere Arbeit, die bisher rein selbstfinanziert und ehrenamtlich ist. Mit Ideen für gesamtgesellschaftliche Partizipation und die Förderung von lösungsorientierter Kommunikation in der Klimadebatte. Mit einem Ausbau unserer Medienarbeit, z.B. über einen Podcast mit alltagspraktischen Tipps und verständlicher Wissenschaftskommunikation und unsere Social Media Kanäle.

Das Schlusswort überlasse ich Gründerin Mareike Schulze: „Ich bin berührt wie viele Kolleg*innen sich angesprochen fühlen und auf den Zug aufgesprungen sind und wie toll sich die Bewegung entwickelt hat. Wir sind aber lange nicht am Ziel und müssen weiterhin mit einer konsequenten Beharrlichkeit dran bleiben. Zugleich bin ich auch traurig wie wenig sich klimapolitisch weiterhin getan hat und wie die Folgen immer spürbarer werden. Aber Aufgeben kommt nicht in Frage.“

Katharina van Bronswijk
Sprecherin Psych4F
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