Wir können wahrsagen! Zumindest ein bisschen.

Kennst du CO2-Rechner (wie https://uba.co2-rechner.de/de_DE/), mit denen du deinen individuellen CO2-Fußabdruck berechnen kannst? Auch ohne dich im geringsten zu kennen, ohne zu wissen, wieviel du fliegst, ob du Fleisch isst und wie du heizt, können wir dir dein Ergebnis vorhersagen. Es ist: ZU HOCH. Viel zu hoch, wenn man bedenkt, was dir fairerweise als Individuum zusteht.

Kannst du viel dafür? Nein! Bevor du jetzt entweder empört oder beruhigt das Thema wechselst, lass uns etwas ausholen. Die aktuelle Situation ist skurril. Wir müssen konsumieren. Wir kaufen Essen, Trinken, Wärme, Licht, aber auch Tröstendes oder Verbindendes. Wir müssen uns fortbewegen, um an der Gesellschaft teilzuhaben. Wir finanzieren Infrastruktur mit – egal, ob wir sie sinnvoll finden oder nicht. Wir sind Teil einer Gesellschaft, die weit über ihre Verhältnisse lebt (zumindest was Klima- und Umweltzerstörung angeht). Als Mitglied unserer Gesellschaft kannst du kaum anders, als klimaschädlich zu handeln.

Das ist verstörend und viele Menschen haben den Wunsch, weniger Schaden anzurichten. Gleichzeitig merken wir: Klimafreundliche Lösungen sind herausfordernd, gerade für Menschen mit weniger Ressourcen. (Damit wollen wir keinesfalls unterstellen, Klimaschutz scheitere an Menschen, die von Armut betroffen sind! Ein Auto, großen Wohnraum, Flugreisen oder ständige Neuanschaffungen muss man sich erstmal leisten können. Einen Flug ins All erst recht. Die meisten Menschen mit wenig Geld haben gezwungenermaßen einen verhältnismäßig kleinen CO2-Fußabdruck [Chancel, 2022; Oxfam, 2022; Statista, 2022; Umweltbundesamt, 2016]). Leider bringen klimafreundliche Alternativen häufig Verhaltensänderungen mit sich, die Zeit, Wissen, Frustrationstoleranz, Geld, soziale Unterstützung oder zumindest viel Kreativität benötigen. Es ist in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen mühsamer, sich klimafreundlich zu verhalten, als die als „normal“ geltenden klimaschädlichen Gewohnheiten weiterzuführen. Unseren fairen CO2-Anteil überschreiten wir schon dadurch, dass wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Es gibt einen CO2-Sockelbetrag, auf den wir keinen direkten Einfluss haben. Auch den beeinflussbaren Rest können wir nur mit immensen Anstrengungen verringern.

Trotzdem wird Klimaschutz häufig als individuelles Problem verkauft. „Konsumiere einfach weniger!“ heißt es, oder: „Stimm halt mit dem Geldbeutel ab“. Für die Industrie ist es sehr bequem, wenn wir die Schuld bei uns suchen. Dann schauen wir weniger auf diejenigen, die rein rechnerisch das viel größere Problem darstellen (Chancel, 2022; Oxfam, 2022; Statista, 2022; Umweltbundesamt, 2016). Ähnlich verhält es sich mit den Entscheidungsträger*innen aus der Politik. Sie stehen weniger unter Druck, unpopuläre – aber dringend notwendige – Entscheidungen zu treffen, wenn sie die Verantwortung für Klimaschutz auf die Schultern der Individuen verteilen können.

Der CO2-Fußabdruck wurde übrigens als gezieltes Mittel des Ölkonzerns BP eingesetzt, um ein systemisches Problem auf das Individuum abzuwälzen und so effektive Maßnahmen zu verzögern (Klimafreundlicher Kochen, 2022; Mashable, o.D.; taz, 2022). Der CO2-Fußabdruck zielt auf ein (individuelles) Unbehagen: „Die Erde brennt und es ist meine Schuld.“ Dabei können wir leicht übersehen: Die, die von uns Verhaltensänderungen verlangen, müssten sich bewegen, wollen aber nicht auf ihr lukratives Geschäftsmodell verzichten.

Ganz wichtig ist die Erkenntnis: Die Individualisierung der Verantwortung geht am Problem vorbei! Wir als Individuen können ein Problem dieser Größenordnung nicht durch kleine Verhaltensänderungen lösen. Selbst wenn alle, die das lesen, sich ab heute vorbildlich verhalten, reicht das nicht! Wenn du die Klimakrise allein aufzuhalten versuchst, bist du chancenlos.

Gleichzeitig sind wir sehr widersprüchlichen Botschaften ausgesetzt. In einem Moment hören wir, dass unser Auto unsere Lebensgrundlage zerstört – kurz darauf wird VWs neuer SUV beworben. Und während die eine darauf reagiert, indem sie ihr Auto abgibt, geht die andere den beworbenen neuen VW Probe fahren. Wir leben im Konsum-Schlaraffenland, aber wir sollen die Süßigkeiten doch bitte nicht essen. Kauf mehr – aber bitte nicht so viel… Diese Widersprüche erreichen uns in Dauerbeschallung. Und sie sorgen für das Gefühl, dass wir schon das richtige tun, solange wir nur genug vom Richtigen kaufen.

Natürlich kann das so nicht funktionieren. Verschwenderischer Umgang mit Ressourcen (wie der Tankrabatt) wird ganz konkret gefördert. Es ist „gut für die Wirtschaft“. Eine Konsumreduktion – so wie sie notwendig wäre – hätte für das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, fatale Folgen.

Das. Ist. Kein. Individuelles. Problem.

Wer wirklich etwas ändern kann? Die Politik. Sie könnte den ÖPNV fördern, sodass er zu einer echten Alternative wird, sie könnte SUVs unerschwinglich machen, sie könnte Städte fahrradfreundlicher gestalten, den CO2 Preis auf ein wirksames Maß erhöhen etc. Sie kann und sie muss für Rahmenbedingungen sorgen, die uns ein klimafreundliches Leben überhaupt erst ermöglichen. Sie muss die Industrie dazu bewegen, auf Alternativen umzusteigen. Viel nachdrücklicher, als es aktuell der Fall ist.

Deshalb sind unsere Tipps zur Reduktion des CO2-Fußabdrucks eigentlich Methoden zur Vergrößerung des CO2-Handabdrucks:

1. Briefe an Politiker*innen schreiben

2. Menschen wählen, die Klimaschutz ernst nehmen

3. Sich einer Gruppe anschließen (For Future, XR, GermanZero – was auch immer für dich passt!)

An alle, die verwirrt sind: Sollte dir dein individueller CO2-Fußabdruck daher egal sein? Natürlich nicht! Lass dich bitte nicht entmutigen, weiterhin an deiner Reduktion der Emissionen zu arbeiten! Das kann sinnstiftend für dich und äußerst inspirierend für andere sein! Aber wir empfehlen: Lass nicht zu, dass Politik und Wirtschaft die eigene Verantwortung so elegant auf die Allgemeinheit abwälzen. Nutze deine Energie für eine wirkliche Veränderung unserer Gesellschaft, die nicht länger auf der Nutzung fossiler Energien aufbauen kann! Nimm die Politik in die Pflicht!

 

Basierend auf einem Psy4F-Twitter-Thread: https://twitter.com/Psychologists4F/status/1534593610963877891

 

Quellen:

Statista: Bocksch, R. (2022). Der riesige CO2-Fußabdruck der Reichen. https://de.statista.com/infografik/26885/anteil-der-einkommensschichten-an-den-globalen-co2-emissionen/

Chancel, L. (2022). Global carbon inequality over 1990-2019. Nature Sustainability, 5, 931-938. https://doi.org/10.1038/s41893-022-00955-z

Klimafreundlicher Kochen (Blog, 2022). Woher kommt der Begriff CO2-Fußabdruck? https://www.klimafreundlicher-kochen.de/blog/woher-kommt-der-begriff-co2-fussabdruck/

Mashable: Kaufman, M. (o.D.). The carbon footprint sham. https://mashable.com/feature/carbon-footprint-pr-campaign-sham

Oxfam (2022). Billionaires responsible for a million times more greenhouse gases than the average person. https://www.oxfam.org.uk/media/press-releases/billionaires-responsible-for-a-million-times-more-greenhouse-gases-than-the-average-person-oxfam/

taz: Augustin, K. (2022). Wir haben uns verrechnet. In: taz, zukunft, S. 18-19. https://taz.de/Oekologischer-Fussabdruck-und-Klimakrise/!5892875&SuchRahmen=Print/

Umweltbundesamt: Kleinhückelkotten, S., Neitzke, H.P., & Moser, S. (2016). Repräsentative Erhebung von Pro-Kopf- Verbräuchen natürlicher Ressourcen in Deutschland (nach Bevölkerungsgruppen). Umweltbundesamt: Texte, 39. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/repraesentative-erhebung-von-pro-kopf-verbraeuchen