Anlässlich der beunruhigenden Bilder aus dem Dorf Lützerath rufen die Psychologists & Psychotherapists for Future (Psy4F) zu einer Deeskalation und einem Moratorium hinsichtlich der Räumung der Ortschaft und des Protestcamps auf. Die Psy4F sehen in diesem Konflikt ein aktuelles Beispiel einer fatalen Spaltung: zwischen Menschen, die sich für den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzen, und einer aufgerüsteten staatlichen Exekutive, die entgegen der im Grundgesetz verankerten Verpflichtung zum Gemeinwohl privatwirtschaftliche Interessen durchboxt.


Wird das Kohlefeld unter Lützerath von RWE zur Energiegewinnung abgebaggert, wird Deutschland laut Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung seine Verpflichtungen zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens nicht mehr einhalten können. Die Kohle unter Lützerath ist darüber hinaus nach aktuellen Berechnungen nicht notwendig für die deutsche Energiesicherheit – es geht im aktuellen Konflikt also allein um den Profit eines privaten Unternehmens. Die damit verbundenen langfristigen Kosten trägt dagegen die gesamte Gesellschaft. Bei einem fossilen „Weiter so“ steht der Welt ein globaler Kollaps bevor, wie unter anderem die Abteilung für Risikoreduktion der Vereinten Nationen warnt. Die WHO spricht von der größten Gesundheitsbedrohung des Jahrhunderts. Und das Umweltbundesamt prognostiziert starke Risiken für sämtliche menschliche Lebensbereiche.


Der Staat hat den Schutz von Menschenleben und Gesundheit zu garantieren. Das Gemeinwohl und damit auch der Umweltschutz sind ein grundgesetzlich garantiertes Staatsziel. Das betrifft auch zukünftige Generationen. „Wir alle möchten gesund und sicher leben! Der berechtigten Sorge der Menschen um die Zukunft kann nur mit radikalen, wissenschaftsbasierten Maßnahmen wirksam begegnet werden – nicht mit Radikalisierung von Sprache und Kriminalisierung von Klimaschutz“, sagt Georg Adelmann, Diplom-Psycholog*in und Vorstandsmitglied der Psy4F.


Vor diesem Hintergrund fordern die Psy4F, die Zeit eines Moratoriums auch dafür zu nutzen, die Räumung und Abbaggerung von Lützerath daraufhin zu prüfen, ob sie mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Zudem sollte die Auseinandersetzung wieder auf sachliche und wissenschaftsbasierte Füße gestellt werden. Die Psy4F stehen für Gespräche mit allen Beteiligten bereit.


Nachtrag: Moratorium unterstützen

Schreibt heute noch an Mona Neubaur, Herbert Reul und Oliver Krischer, sowie Bundesminister*in Habeck, dass es ein sofortiges Moratorium braucht:

mona.neubaur@landtag.nrw.de  (Mona Neubaur, Wirtschaftsminister*in NRW)
info@gruene-nrw.de (mit Bitte an Weiterleitung an Oliver Krischer, Umweltminister*in NRW)
info@cdu-nrw.de (mit Bitte an Weiterleitung an Herbert Reul, Innenminister*in CDU)

 robert.habeck@bundestag.de (Klimaschutzbundesminister*in Robert Habeck)

Weitere Quellen:

Gasknappheit: Auswirkungen auf die Auslastung der Braunkohlekraftwerke und den Erhalt von Lützerath

(wissenschaftliche Studie von 2022)

„Diese Studie belegt somit, dass weder eine energiewirtschaftliche Notwendigkeit für die Inanspruchnahme weiterer Dörfer und Höfe am Tagebau Garzweiler II besteht noch eine energiewirtschaftliche Rechtfertigung zur Genehmigung neuer über den Bereich des aktuellen Hauptbetriebsplan hinausgehender Abbauflächen.“

 

Studie „Auswirkungen eines
adjustierten Kohleausstiegs
auf die Emissionen im
deutschen Stromsektor“ von aurora energy research

(November 2022)

„Daher hat das Vorziehen
des Kohleausstieges im rheinischen Revier von 2038 auf 2030 in unserer Modellierung keinen Effekt, es gibt keine emissionsmindernde Wirkung.“

Studie der Abteilung für Risikoreduktion der Vereinten Nationen:

„Global Assessment Report 2022“

(Studienübersicht, 2022)

„When global collapse risk is analysed according to the nine planetary boundaries, scenarios (…) show a dangerous tendency for the world to move towards a global collapse scenario“

 

Weltgesundheitsorganisation zur Klimakrise und den Konsequenzen für die Gesundheit

(Webseite, 12.01.23 zuletzt geprüft)

„Between 2030 and 2050, climate change is expected to cause approximately 250 000 additional deaths per year, from malnutrition, malaria, diarrhoea and heat stress.“

Pao-Yu Oei, Nachhaltigkeitsprofessor der Uni Flensburg zu der Nicht-Notwendigkeit, Lützerath und die Kohle darunter abzubaggern

(tagesspiegel vom 11.01.23)

„Denn der Kohleflöz unter Lützerath ist relativ mächtig und Anpassungen der Tagebauführung für eine Auskohlung eines südlichen Teilfeldes verursachen dem Betreiber Kosten. Stattdessen aber mit Abraummengen für die Verfüllung alter Gruben zu argumentieren ist nicht tragfähig“

 

„Kampf um jeden Meter beginnt“

(Überblicksartikel noch vor Räumungsbeginn von nd-aktuell.de vom 02.01.23)

 

„Der Eindruck setzte sich am Montag nicht durch. So berichteten Journalist*innen von Schwierigkeiten bei der Anreise nach Lützerath, die von der Polizei behindert werde. Auch von Attacken der Einsatzkräften auf eintreffende Aktivist*innen war die Rede.“

Studie des Umweltbundesamtes zu den Risiken der Klimakrise auf verschiedene Handlungsfelder:

„Klimawirkungs- und Risikoanalyse für Deutschland 2021 (Kurzfassung)“

‚Besonders viele Klimawirkungen mit hohem Klimarisiko gehören zu den Handlungsfeldern „Biologische Vielfalt“, „Wald- und Forstwirtschaft“, „Wasserhaushalt, Wasserwirtschaft“ und „Küsten- und Meeresschutz“, „Bauwesen“ und „Menschliche Gesundheit“.‘

Webinar mit Expert*innen, organisiert von Fridays for Future „Lützerath bleibt!“

(10.01.2023)

„Auch ein Moratorium wäre sinnvoll, um diese Eskalation zu vermeiden.“

(Claudia Kemfert)

 

(aktualisiert am 12.01.23)