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Sozialpsychologie

Ein Beitrag von Dr. Verena Vierrath, Anke Hofmann und David Scholz

Individuelle Faktoren

Problembewusstsein
…bezeichnet die Wahrnehmung, dass unsere Umwelt bedroht ist (Matthies, 2005). Das Problembewusstsein kann dadurch gefördert werden, dass wir über das Ausmaß der Klimakrise informieren. Es gibt zwar einen Zusammenhang zwischen dem Wissen über die Klimakrise und umweltbewusstem Verhalten, jedoch ist dieser eher niedrig (Kazdin, 2009). Das erklärt auch, warum reine Informationskampagnen nur selten dazu führen, dass Menschen sich umweltbewusster verhalten (Steg & Vlek, 2009). Wissensvermittlung alleine reicht daher nicht aus!

Selbstwirksamkeit
…beschreibt die Überzeugung, dass ich ein bestimmtes umweltschonendes Verhalten mit Hilfe meiner Fähigkeiten ausführen kann. Studien weisen darauf hin, dass Selbstwirksamkeit wichtiger für umweltschützendes Verhalten ist, als Wissen über das Thema (Hines, Hungerford & Tomera, 1987). Selbstwirksamkeit kann gestärkt werden, indem wir Möglichkeiten aufzeigen, wie wir uns umweltbewusst verhalten können.

Verantwortungsgefühl
…beschreibt das Gefühl, dass ich die Verantwortung für Klimaschutz bei mir selbst sehe. Das Verantwortungsgefühl lässt sich stärken, indem wir an grundlegende Werte appellieren, z.B. Gerechtigkeit oder Gleichheit. Achtung: häufig entstehen bei direkten Appellen an unsere Verantwortung Schuldgefühle. Diese Schuldgefühle können jedoch zu Bewältigungsstrategien (z.B. Gleichgültigkeit, Verleugnung) führen, welche umweltbewusstem Verhalten im Wege stehen (Homburg, Stolberg & Wagner, 2007; Lertzman, 2008).

Kognitive Dissonanz
…entsteht, wenn unser Verhalten im Widerspruch mit unseren Werten und Zielen ist. Kognitive Dissonanz wird als ein unangenehmer Zustand empfunden (Festinger, 1957). Diesen Zustand können wir reduzieren, indem wir versuchen, unser Verhalten unseren Werten anzupassen („ich fliege nicht mehr“). Kognitive Dissonanz wird als sehr effektives Mittel eingeschätzt, um Umweltverhalten zu verstärken (Osbaldiston & Schott, 2012). Achtung: wenn wir jedoch keine Möglichkeit sehen, unser Verhalten unseren Werten anzupassen, werden wir unser Verhalten wahrscheinlich nicht ändern, sondern stattdessen unsere Werte anpassen („Umweltschutz ist mir nicht so wichtig“).

Intentions-Verhaltens-Lücke
Diese Lücke beschreibt, warum es trotz starker Veränderung von Intentionen, z.B. sich umweltbewusster verhalten zu wollen, es nicht zu genau diesem Verhalten kommt (siehe Sheeran & Webb, 2016). Zunächst muss man festhalten, dass eine Veränderung von Intentionen allgemein nur recht schwach mit entsprechenden Handlungen zusammenhängt (Webb & Sheeran, 2006). Dies kann nach Sheeran & Webb, 2016 daran liegen, dass das Ziel der Intention selber schlecht gewählt wurde (zu schwer, zu unkonkret, von außen vorgegeben, zeitlich instabil). Aber auch die besten Vorsätze können an selbstregulatorischen Hindernissen scheitern, also an der konkreten Umsetzung in der Situation (vergessen der Intention im Alltag, verpassen von relevanten Situationen, negative Gedanken gegenüber dem Verhalten; Sheeran & Webb, 2016). Als effektive Methoden, um Intentionen besser in Verhalten umzusetzen, haben sich Selbstbeobachtung oder sog. Wenn-Dann-Pläne (siehe auch Implementationsintentionen) erwiesen (Grimmer & Miles, 2017; Sheeran & Webb, 2016). Natürlich muss auch festgehalten werden, dass äußere Faktoren über die Ausübung von Verhalten entscheidend sind, z.B. wie viel Kontrolle man überhaupt über das Verhalten hat oder wie angebracht das Verhalten für den aktuellen Kontext ist (Grimmer & Miles, 2017).

Implementationsintentionen
Implementationsintentionen sind eine einfache, aber sehr effektive Methode (Grimmer & Miles, 2017; Sheeran & Webb, 2016), wodurch Intentionen eher im gewünschten Verhalten resultieren. Implementationsintentionen beschreiben feste Wenn-Dann Regeln, also wann welches Verhalten gezeigt werden soll. Dazu sollte man sich Gedanken machen, in welchen Situationen das gewünschte Verhalten gezeigt werden kann und was einen daran hindern könnte. Für jede Situation und jedes Hindernis wird eine feste Wenn-Dann-Regel aufgestellt, z.B. Situation: „Wenn ich einen Kaffee kaufe, dann lasse ich ihn mir in meinen eigenen Becher füllen, anstatt einen Pappbecher mitzunehmen“. Hindernis: „Wenn sie mir den Kaffee nicht in meinen Becher füllen wollen, dann gehe ich zu einem anderen Laden“. Diese Methode fördert die Abrufbarkeit des intendierten Verhaltens in einer spezifischen Situation merklich und sorgt so dafür, dass das gewünschte Verhalten auch häufiger ausgeführt wird (Sheeran & Webb, 2016).

Soziale Faktoren

Vorbildverhalten
Verhalten sich andere Menschen umweltschützend, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass wir das ebenfalls tun (Clayton & Myers, 2009). Wenn wir selbst einen nachhaltigen Lebensstil vorleben oder auch nur darüber sprechen, fördert dies Umweltschutzverhalten bei anderen (Steg & Vlek, 2009). Achtung: dies sollte keinesfalls einen missionarischen Charakter haben, sonst kann es beim Gegenüber zu Trotzreaktionen (Reaktanz) kommen.
Die beschriebenen folgenden Konstrukte versuchen ausbleibendes Hilfeverhalten in Situationen, die aktive Handlung zur Abwendung der Not oder Gefahr erfordern, zu erklären. Allgemein trägt der Mangel an (Handlungs-)Fähigkeiten sowie das Fürchten negativer (sozialer) Konsequenzen verstärkt dazu bei, dass folgende Phänomene wirksam werden können:

Bystander-Effekt
Dieser Effekt beschreibt das Verhalten von Menschen, die zufällig in der Nähe („bystander“) einer Situation sind, in der jemand Hilfe benötigt. Je mehr Menschen zugegen sind, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von sich aus aktiv wird und bspw. hilft. Dies wird erklärt durch die

Verantwortungsdiffusion:
Die Anwesenheit mehrerer Menschen in einer Hilfesituation führt dazu, dass die Verantwortung für eine Hilfeleistung „geteilt“ wird und damit die Größe der Eigenverantwortung abnimmt. Je größer die Gruppe, desto weniger wird folglich Eigenverantwortung für ein Aktivwerden empfunden. Das kann dazu führen, dass die Hilfesituation falsch eingeschätzt wird. Dies wird erklärt durch die

Pluralistische Ignoranz:
Ist die Anzahl der anwesenden, aber nicht handelnden Menschen (Zeugen, Zuschauer) größer, wächst auch die Möglichkeit, dass die Situation nicht als Notfall bzw. nicht als Situation, in der dringend gehandelt werden müsste, eingeschätzt wird. Die jeweils einzelnen beobachten die jeweils anderen und versuchen, Hinweise zu erhalten, was zu tun wäre. Handelt niemand, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man selbst auch nicht handelt – auch, wenn dies den eigenen Werten widerspricht.
Ein konkretes Ansprechen und um Unterstützung oder Hilfe bitten einzelner Personen kann diese beschriebene Phänomene unterbrechen. Auf den Umwelt- und Klimaschutz übertragen könnte dies heißen, Menschen thematisch konkret anzusprechen, mit ihnen Handlungsmöglichkeiten zu überlegen (Lösungsorientierung), die auch die Selbstwirksamkeit (mein Handeln bewirkt etwas und ist erfolgreich) stärken und somit die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass das nützliche oder als positiv erlebte Verhalten wieder gezeigt wird.

Quellen

  • Baier, M. (2017). Zurückweisung von Verantwortung als Hindernis nachhaltiger Bereitschaften. In: Altmeppen, K.-D. et al. (Hrsg.). Nachhaltigkeit in Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Springer Verlag. Open Access: https://link.springer.com/book/10.1007%2F978-3-658-14439-5
  • Clayton, S. & Myers, G. (2009). Conservation Psychology: Understanding and promoting human care for nature. West Sussex, UK: Wiley-Blackwell.
  • Festinger, L. (1957). A theory of cognitive disonance. Evanston, IL: Row, Peterson.
  • Frey, D. & Greif, S. (1997). Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Beltz, VerlagsUnion
  • Grimmer, M., & Miles, M. P. (2017). With the best of intentions: a large sample test of the intention‐behaviour gap in pro‐environmental consumer behaviour. International journal of consumer studies, 41(1), 2-10. doi: 10.1111/ijcs.12290
  • Hamann, K., Baumann, A., & Löschinger, D. (2016). Psychologie im Umweltschutz. Handbuch zur Förderung nachhaltigen Handelns. oekom, München.
  • Hines, J. M., Hungerford, H. R. & Tomera, A. N. (1987). Analysis and synthesis of research on responsible environmental behavior: A meta-analysis. Journal of Environmental Education, 18, 1–8.
  • Homburg, A., Stolberg, A. & Wagner, W. (2007). Coping with global environmental problems: Development and first validation of scales. Environment and Behavior, 39, 754–778.
  • Kazdin, A. (2009). Psychological science’s contributions to a sustainable environment. Extending our reach to a grand challenge of society. American Psychologist, 64, 339–356.
  • Lertzman, R. (2008). The myth of apathy. Ecologist, 19, 16–17
  • Osbaldiston, R. & Schott, J. (2012). Environmental sustainability and behavioral science: Meta-analysis of pro-environmental behavior experiments. Environment and Behavior, 44, 257–299.
  • Sheeran, P., & Webb, T. L. (2016). The intention–behavior gap. Social and personality psychology compass, 10(9), 503-518. doi:10.1111/spc3.12265
  • Steg, L. & Vlek, C. (2009). Encouraging pro-environmental behavior: An integrative research agenda. Journal of Environmental Psychology, 29, 309–317.
  • Webb, T. L., & Sheeran, P. (2006). Does changing behavioral intentions engender behavior change? A meta-analysis of the experimental evidence. Psychological bulletin, 132(2), 249-268. doi: 10.1037/0033-2909.132.2.249
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