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Intention-Behaviour-Gap und Intention Implementations nach Sheeran & Webb (2016)

Ein Beitrag von David Scholz und Leonie Kott

Kennen Sie das nicht auch? Sie haben sich eigentlich fest vorgenommen der Umwelt zuliebe weniger Müll zu produzieren. Doch kaum, dass Sie sich versehen, packt Ihnen in der Bäckerei der/die Verkäufer*in die Brötchen in drei verschiedene Tüten, die Kuchenstücke werden durch Plastikfolien getrennt und der Café to go bekommt einen Plastikdeckel verpasst.  Wieso passiert es so häufig, dass wir unsere guten Vorsätze nicht umsetzen, obwohl wir sie uns doch so fest vorgenommen haben? Eine Antwort darauf kann die sog. Intentions-Verhaltens-Lücke geben. Was das genau ist und wie man seine Absichten besser umsetzen kann wollen wir im Folgenden erklären und dabei Techniken und Tricks vermitteln, wie Sie diese Hürden besser meistern können.

Was ist die Intentions-Verhaltens-Lücke?
Die Intentions-Verhaltens-Lücke beschreibt, weshalb es trotz einer starken Absicht, auch Intention genannt, nicht immer zum entsprechenden Verhalten kommt (Sheeran & Webb, 2016). Wissenschaftler konnten in Studien zeigen, dass bei vielen Menschen eine Änderung ihrer Absichten, z.B. Ich möchte weniger Müll produzieren, nur recht schwach mit entsprechenden Handlungen zusammenhängt, z.B. beim Bäcker einen Hinweis darauf geben, dass man keine Tüte möchte (Webb & Sheeran, 2006).

Wie entsteht sie?
Sheeran & Webb (2016) haben eine Übersichtsarbeit zur aktuellen Studienlage verfasst. In dieser zeigen sie zwei Hauptgründe auf, weshalb Intentionen nicht in Handlungen umgesetzt werden. Zunächst kommt es auf die Qualität der Intention an sich an. Diese wird durch drei Faktoren bestimmt:

a) die Konkretheit und Schwierigkeit der Ziele
Bezieht sich Ihr Ziel auf eine konkrete Handlung? Ist es leicht erreichbar?

b) die Grundlage der Intention
Kommt der Wunsch nach der Veränderung aus Ihnen heraus? Entspricht er dem was Sie für richtig und gut halten? Oder versuchen Sie nur die Erwartungen anderer zu erfüllen?

c) die zeitliche Stabilität der Intention
Haben Sie diese Intention schon seit einem längeren Zeitraum?

Doch auch Intentionen, die eine gute Qualität haben führen nicht immer zu dem gewünschten Verhalten. Dies kann am zweiten Hauptgrund liegen den sog. selbstregulatorischen Schwierigkeiten. Darunter versteht man Probleme dabei, die Intention in die Tat umzusetzen, weil man entweder nicht anfängt, nicht dranbleibt oder nicht zum Ende kommt.

a) Nie Anfangen:
Ein häufiges Problem ist, dass man durch die vielen Ablenkungen im Alltag schlichtweg vergisst, was man sich kürzlich noch vorgenommen hat. Selbst wenn man seine gesetzte Intention nicht vergisst, kann es leicht passieren, dass man die Gelegenheit zum Handeln verpasst. Dies tritt besonders dann auf, wenn diese Gelegenheiten unregelmäßig erscheinen, oder nur sehr kurz sind (wie z.B. der/die Verkäufer*in, der/die sehr schnell die Waren einpackt). Zuletzt kann eine Intention auch einfach daran scheitern, dass man sich gar nicht entsprechend vorbereitet hat. Hat man z.B. keinen Brotkasten gekauft, wird man auf die Tüte für das Brot weiterhin angewiesen sein und diese auch nicht ablehnen wollen.

b) Dranbleiben:
Selbst wenn wir ein Verhalten einmal gezeigt haben, kann es sehr schwer sein, das Verhalten aufrecht zu erhalten. Das liegt zum einem daran, dass der Fortschritt nicht beobachtet wird und somit die Intention auch schnell wieder vergessen werden kann. Andere Gründe können auch negative Gedanken oder Gefühle gegenüber dem Verhalten („Ich möchte nicht immer eine extra Behandlung“), oder alte Gewohnheiten („Ich habe bisher automatisch immer ja zu einer Tüte gesagt“) sein. Zuletzt kann einem auch einfach die Selbstkontrolle fehlen, da man den Tag über schon sehr viel Willenskraft verwenden musste (sog. ego depletion).

c) Zum Ende kommen:
Hier können zwei Probleme auftreten, entweder man hat das Gefühl, man hat sein Ziel schon fast erreicht und hört dann auf sich weiter anzustrengen das Ziel weiter zu verfolgen, oder man hat das Ziel erreicht, aber hört nicht auf weitere Anstrengung zu unternehmen. Ersteres kann dazu führen, dass das Ziel letztendlich doch nie erreicht wird. Letzteres kann dazu führen, dass man keine Zeit und Kraft hat, neue Ziele zu verfolgen.

Zudem gibt auch Verhaltensweisen, die einen dem gewünschten Ziel gar nicht näherbringen, die man aber weiterhin verfolgt, weil man bereits so viel Zeit, Arbeit und Ressourcen investiert hat (sog. Sunk-Cost Fallcy). Zum Beispiel hat man noch die zusätzliche Gefriertruhe im Keller stehen, obwohl man sie nicht mehr wirklich braucht. Bei der Frage warum denkt man „Aber sie war doch so teuer!“.

Wenn so viel schief gehen kann mag es erstmal verwunderlich erscheinen, dass Intentionen überhaupt in Verhalten münden. Sheeran und Webb (2016) betonen, dass die genannten Hürden weder unvermeidlich noch unlösbar wären. Oft schafft man es ja auch beim ersten Mal, seine Absichten umzusetzen. Sollte es einmal nicht direkt klappen, können Sie die Hürden durchgehen, herausfinden woran es lag und einen Plan aufstellen, damit es das nächste Mal besser klappt.

Wie kann man die Lücke besser überwinden?
Als besonders gute Methode, um diese Hürden zu meistern, schlagen die Autoren sog. Wenn-dann-Pläne oder Implementationsintentionen vor. Diese einfache Methode hat sich als eines der effektivsten Mittel erwiesen seine Intentionen in Verhalten umzusetzen, gerade auch für umweltförderliches Verhalten (Grimmer & Miles, 2016). Eine Erklärung dafür ist, dass Implementierungsintentionen dabei helfen, die Intention und das gewünschte Verhalten eher automatisch in einer Situation abzurufen.

Die Methode funktioniert so:
1. Stellen Sie sich so lebhaft wie möglich vor, was Sie erreichen möchten. Machen Sie dazu gern die Augen zu. Wie sieht das genau aus und wie fühlt es sich an?
2. Was möchten Sie genau tun, um dieses Ziel zu erreichen? Wo möchten Sie das genau tun? (z.B. beim Bäcker, Fast Food, …)
3. Manchmal verläuft das Leben nicht so wie geplant und etwas kommt zwischen uns und unser Ziel. Was sind für Sie die größten Hindernisse zu Ihrem Ziel?  (z.B. mir ist es unangenehm, es wird sehr schnell eingepackt, etc.)
4. Wie möchten Sie sich das nächste Mal in dieser entscheidenden Situation verhalten? (z.B. ich sage gleich bei der Bestellung, dass ich keine Tüte möchte, dann kann ich die Gelegenheit nicht verpassen)
5. Formulierung einen Wenn-Dann-Plan für diese Gelegenheiten und Hürden: (z.B. Wenn ich beim Bäcker bestelle, dann sage ich gleich, dass ich keine Tüte möchte. Wenn es mir in der Situation unangenehm ist, dann frage ich besonders freundlich danach.)

Eine andere effektive Methode, die natürlich mit den Wenn-Dann-Regeln verknüpft werden kann, ist die Beobachtung des eigenen Fortschrittes bei der Zieleinhaltung. Besonders effektiv ist es dabei, seine Fortschritte aufzuschreiben (z.B. in einer Art Tagebuch) oder sein soziales Umfeld über die Fortschritte zu informieren (z.B. einem/einer Freund*in stolz darüber berichten).
Wenn-Dann-Regeln helfen einem vor allem dabei, anzufangen mit dem gewünschten Verhalten und dran zu bleiben. Die Beobachtung des Fortschritts hilft auch das Verhalten aufrecht zu erhalten und macht einem bewusst, wann ein Ziel erreicht ist.

Beispiel:
Wir wollen nun noch an dem anfangs erwähnten Beispiel von Müllreduktion einmal deutlich machen, wie diese Techniken erfolgreich angewandt werden können.
Nehmen wir an Sie fassen den Entschluss weniger Müll zu produzieren. Nehmen Sie sich jetzt am besten 5-10 Minuten Zeit und machen sich ein paar Gedanken.
Als erstes macht es Sinn an der Qualität Ihrer Intention zu arbeiten:

1. Zielsetzung: Wenig Müll zu verbrauchen wäre sehr leicht, ist aber leider sehr unspezifisch. Der Entschluss nun komplett keinen Müll mehr zu verbrauchen (zero waste) wäre sehr konkret, aber sehr schwierig umzusetzen. Finden Sie also am besten einen Kompromiss! Wie wäre es also erstmal mit dem Ziel zu starten: Ich möchte kein Obst und Gemüse kaufen, das in Plastik verpackt ist!

2. Herkunft: Überlegen Sie nochmal, wie Sie zu dem Ziel stehen. Ist es Ihnen persönlich wirklich wichtig? Oder hat Sie Ihr/e Partner*in dazu aufgefordert? Wenn Sie persönlich noch keinen Bezug zu dem Ziel haben kann es Sinn machen, sich erst noch ausgiebiger mit dem Thema zu befassen oder sich anderen Zielen zu widmen. Denken Sie z.B., dass Sie die Umwelt durch ihr Auto viel mehr belasten, als durch ihren Plastikverbrauch? Dann starten Sie doch dort! Nehmen wir nun aber weiter an, Sie wollen weniger Plastik verbrauchen

3. Zeitliche Stabilität:
 Machen Sie sich nochmal bewusst, ob Sie gerade aus einem Affekt heraus handeln, da Sie z.B. gerade das erste Mal eine Doku über die Folgen von Plastik in den Weltmeeren gesehen haben oder ob Sie das Thema schon länger beschäftigt. Sollte es eher aus einem Affekt erfolgen, kann es auch hier Sinn machen sich nochmal länger mit dem Thema zu befassen.

Gut nun haben Sie eine solide Intention. Jetzt ist es wichtig sich nochmal vor Augen zu führen, woran es scheitern könnte, damit Sie dem gleich entgegenwirken können. Überlegen Sie, wann Sie das Verhalten zeigen können, was Sie daran hindern könnte und treffen Sie entsprechende Vorbereitungen. Hier wäre der Supermarkt eine sehr offensichtliche Gelegenheit, da Sie dort wahrscheinlich das Obst und Gemüse kaufen. Was könnte Sie dabei hindern? Fehlt Ihnen vielleicht eine Alternative zu den Plastiktüten? Dann könnten Sie z.B. einen Jute-Beutel kaufen.

Am besten formulieren Sie dann eine Wenn-Dann Regel, um zu verhindern, dass Sie das Verhalten nie zeigen oder nicht dranbleiben. Diese könnte beispielsweise lauten: Wenn ich zum Supermarkt gehe, dann nehme ich einen Jute-Beutel mit. Oder: Wenn ich zwischen billigerem Obst mit und teurerem Obst ohne Plastik währen kann, dann kaufe ich das ohne Plastik. Oder: Wenn ich Gemüse nur mit Plastik bekomme, dann kaufe ich es nicht. Oder: Wenn ich Obst und Gemüse brauche, dann gehe ich auf den Wochenmarkt (und nehme dort keine Plastiktüte an). Oder, falls Sie das Gemüse wirklich brauchen: Wenn es das Gemüse nur mit Plastik gibt, dann beschwere ich mich bei dem Filialleiter.

Beobachten Sie daraufhin Ihren Fortschritt in irgendeiner Form! Wenn Sie lieber strukturiert sind und kaum die Unterstützung von Freunden und Familie brauchen, dann markieren Sie doch einfach im Kalender, wie oft Sie Ihren Plastikmüll voll bekommen (es muss nicht immer gleich ein Tagebuch sein). Oder hilft es Ihnen von ihrem sozialen Umfeld unterstützt zu werden? Dann berichten Sie doch einem/einer Freund*in von Ihren Erfolgen! Vergessen Sie nicht, dass Sie auch im Blick haben sollten, ab wann Sie denken, dass Sie ihr Ziel erreicht haben. Im Idealfall hat sich Ihr Verhalten dann auch dank der Wenn-Dann-Regeln automatisiert und Sie können sich wieder anderen Verhaltensweisen widmen.


Quellen

  • Grimmer, M., & Miles, M. P. (2017). With the best of intentions: a large sample test of the intention‐behaviour gap in pro‐environmental consumer behaviour. International journal of consumer studies41(1), 2-10.
  • Sheeran, P., & Webb, T. L. (2016). The intention–behavior gap. Social and personality psychology compass10(9), 503-518.
  • Webb, T. L., & Sheeran, P. (2006). Does changing behavioral intentions engender behavior change? A meta-analysis of the experimental evidence. Psychological bulletin132(2), 249-268.
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