Vortrag von Psy4F für die "Summer School für Journalist*innen" des Europäischen Parlaments

von Prof. Dr. Myriam Bechtoldt

Wie über den Klimawandel schreiben – über ein komplexes Problem, für das keine einfachen und keine kurzfristigen Lösungen existieren? Diese Frage stand im Mittelpunkt der von der Europäischen Union veranstalteten Summer School für Journalist*innen: „Journalism and Climate Change – How to Tell Complex Stories?“1 Vom 7. bis 11.6.2022 kamen in Brüssel Journalist*innen aus 18 EU-Ländern zusammen, um im Austausch mit Medienvertreter*innen, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und uns von Psy4F zu diskutieren. Der Grund, Psy4F einzuladen, so Svetla Tanova-Encke, die Organisatorin der Veranstaltung, sei, dass es nicht genüge, die wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels zu vermitteln; die eigentliche Frage, die im Raum stehe, sei, wie es gelingen könne, dem Thema noch mehr Dringlichkeit in der öffentlichen Diskussion zu verleihen und gesellschaftliche Veränderungen voranzubringen. „Is constructive journalism the solution?“ war deshalb die konkrete Frage, zu der wir als Psy4F eingeladen waren, Stellung zu nehmen.
Tatsache ist, dass journalistische Berichterstattung über die Klimakrise auch nach über 30 Jahren, in denen das Thema in den Medien Raum findet, geprägt sind von Narrativen über drohende Katastrophen, steigende Kosten und notwendigen Verzicht.2 Obwohl wahrgenommene Bedrohung kurzfristig mobilisiert,3 kommen Klimawissenschaftler*innen zu dem Schluss, dass nach wie vor der gesellschaftliche Druck fehle, um das 1,5 Grad Ziel noch zu erreichen: Nicht fehlende Technik sei das Problem, sondern fehlende Mobilisierung in der Bevölkerung, auf die die Politik reagiere.4 Wie ist das zu erklären?

Die psychologische Forschung zeigt, dass Angst allein nicht genügt, um nachhaltigen Wandel in Gang zu bringen, weil anhaltende Angst in Hilflosigkeit umschlägt und Verdrängung begünstigt. Wichtig ist es deshalb, auch konstruktive, hoffnungsstiftende Informationen zu vermitteln, wie die Krise bewältigt werden könnte.2 Aktuelle Forschungsarbeiten von Mitgliedern bei Psy4F beschäftigen sich derzeit mit der Frage, ob Klimabotschaften, die sowohl Angst erzeugen als auch Hoffnung vermitteln, effektiver wirken als Botschaften, die nur eine der beiden Emotionen hervorrufen.
Dass wir als Psy4F im EU-Parlament unsere Expertise einbringen konnten, war eine besondere Auszeichnung unserer ehrenamtlichen Arbeit. Damit ist die Erkenntnis, dass die Klimakrise auch eine psychologische ist,5 in Europa auf politischer Ebene angekommen – eine mehr als hoffnungsstiftende Botschaft, nicht nur für uns als Psy4F.


Referenzen
1 https://sciencemediahub.eu/2022/05/23/esmh-summer-school-2022-journalism-and-climate-change-how-to-tell-complex-stories/)
2 Stoknes, P. E. (2015). What we think about when we try not to think about global warming. Vermont: Chelsea Green Publishing.
3 Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.
4 Stammer, D., Engels, A., Marotzke, J., Gresse, E., Hedemann, C., & Petzold, J. (Ed.) (2021). Hamburg Climate Futures Outlook 2021. Assessing the plausibility of deep decarbonization by 2050. Cluster of Excellence Climate, Climatic Change, and Society (CLICCS). Hamburg, Germany.
5 Poulsen, B. (2018). On Mourning Climate Change. The psychological crisis that accompanies our changing climate. In: Psychology Today, 16.12.2018

Die Personen (v.l.n.r.):
Kristoffer Frøkjær, Wissenschaftsjournalist, Constructive Institute for Journalism, Dänemark;
Svetla Tanova-Encke, European Parliament Directorate-General for Parliamentary Research Services, European Science Media Hub (ESMH); Prof. Dr. Myriam Bechtoldt, Psy4F (Foto: European Parliament)